Let’s Play: Mehr als Inklusion

Es gibt wenige Themen im Leben, zu denen alle etwas sagen können. Die Schule gehört aber mit Sicherheit dazu: jeder aus seiner eigenen Erfahrung als Schüler oder später als Elternteil mit einem wachsamen oder zuweilen sorgsamen Auge für den eigenen Nachwuchs. Damit ist die Schule Gegenstand eines jeden Lebenslaufes und zahlreicher Diskussionen, vor allem aber auch ein großer Spielball für viele Ressorts, allen voran der Politik. Damit ist Bildung auch ein ständiges Streitthema mit einer enormen Themenvielfalt, egal was der Scheinwerfer in diesem Zusammenhang gerade ins Licht rückt: Ob G8, Inklusion und Chancengleichheit, Integration, PISA-Studien, Zentralabitur, Zusammenlegung und Neuausrichtung von Schulformen oder der Ganztag. Alles wird gefordert, durchdiskutiert, eingeführt, verändert oder zurückgeführt – natürlich macht dies jedes Bundesland für sich. Zudem wirken weitere exogene Faktoren auf das Schulleben: vermehrtes Übergewicht und motorische Entwicklungsstörungen bei Kindern und Jugendlichen, Forderungen an eine ökologisch-nachhaltige Erziehung, Integrationsschwierigkeiten, sozio-demografischer Wandel oder Eltern, die ungeliebte Bereiche ihres eigenen Erziehungsauftrages gerne in den Bereich Schule „outsourcen“ oder andererseits die „Helikopter-Rolle“ einnehmen etc. Hinzu kommt ein stark wachsender Markt für Nachhilfe trotz Ganztagsangeboten in Schulen.

Da verwundert es nicht, dass sich all diese komplexen Prozesse und für viele überfordernden Situationen in einem medialen Echo widerspiegeln. Beiträge oder Titel wie „Wahnsinn Schule – wie retten wir unsere Kinder?“ sind daher ebenso keine Seltenheit wie die Ratgeber-Hefte für Eltern u. v. m.

Das Thema Inklusion bildet dabei keine Ausnahme. Schlagzeilen wie „Inklusion in der Schule führt zu Ernüchterung“, „Inklusion – schöne Idee, aber kein Konzept“, „Inklusion um jeden Preis – doch wie, bleibt offen“ oder „Wie Eltern das Projekt Inklusion torpedieren“ verschafften diesem wunderbaren Gedanken eines inklusiven Miteinanders, bei dem unterschiedliche Barrieren überwunden werden und Unterschiedlichkeiten als Potenziale begriffen werden, einen fast irreparablen Fehlstart.

Vielleicht liegt es an einer Reformmüdigkeit, an ohnehin schon stark belastetem Lehrpersonal oder an einem grundlegenden Defizit in der Gesellschaft, dass die Idee der Inklusion nicht mit offenen Armen empfangen wird. Dabei vereinen sich in ihr alle Forderungen nach Bildungs- und Chancengleichheit, Integration und Vergemeinschaftung, die schon so lange gefordert werden. Dies lässt sich auch bis in den Sportunterricht subsumieren, wo dann nicht mehr der unmittelbare Leistungsgedanke im Mittelpunkt steht, sondern ein Zugang mit nachhaltiger Freude an Bewegung für alle.

Die Schwelle scheint tatsächlich die Umsetzung in die Praxis zu sein. Viel Literatur um Inklusion im Bildungsbereich beschränkt sich auf theoretische Herangehensweisen. Zudem wird – wenn auch zuweilen vielleicht nur unbewusst – der Begriff, oder vielmehr die Philosophie hinter dem Begriff Inklusion, nur auf das körperlich behinderte Kind beschränkt. Die oben zitierten Schlagzeilen stammen allesamt aus der Tageszeitung „Die Welt“ (2012 bis 2015) und sind zumeist mit Kindern im Rollstuhl in einer Schulklasse bebildert.

Die große Herausforderung für die Lehrkräfte liegt aber besonders bei den Kindern mit einem erhöhten emotionalen und/ oder sozialen Förderbedarf oder anderen geistigen Entwicklungsstörungen oder Behinderungen, deren Vielzahl sich alle unterschiedlich darstellen und dem entsprechend mit umgegangen werden muss. So liegt beispielsweise der Anteil der 493.200 Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf in allgemeinbildenden Schulen im Schuljahr 2012/2013 nur bei 7 %. Der Anteil an Schülern mit emotionalem oder sozialem Förderbedarf ist doppelt so hoch (14%), noch höher fällt der Anteil an Schülern mit Förderbedarf aufgrund geistiger Entwicklungsstörungen (16%) aus. Den mit Abstand größten Anteil von 40 % belegen Schüler mit dem allgemeinen Förderschwerpunkt „Lernen“.

In Bezug auf die Reformmüdigkeit oder Überlastung des Lehrpersonals lassen sich noch weitere Thesen formulieren. In vielen Schulen übernehmen die Lehrer häufig einen enormen Anteil an Erziehungsauftrag und Zuwendung – und das zu Lasten des Bildungsauftrages. In manchen Familien hat ein regelrechtes Outsourcing der unliebsamen Erziehungsaufgaben stattgefunden. Der Lernstoff ist für die Schüler – und damit für die Lehrer – jedoch derselbe geblieben und wird durch das Abitur nach zwölf Schuljahren (G8) oder die ständig wandelnden Anforderungen der Berufswelt mit ihrem oft zitierten Fachkräftemangel eher noch anspruchsvoller bzw. dichter. Und natürlich gelten in Deutschland dazu noch Einschätzungen aus 16 verschiedenen Bundesländern.

Schüler werden daher zunehmend schon im Kindesalter mit nachhaltigem und damit gesundheitsbelastendem Stress konfrontiert. Der zeitliche Stress aus dem Schulbereich – und z. B. der Nachhilfe oder dem Musikunterricht und dem Sportverein- folgt eine Verdrängung von Zeit, die ein Kind für sich hat. Natürlich auch von Unterrichtsinhalten, die als nicht notwendig gelten wie Religion, Sport oder Kunst. Die Kompetenzorientierung im Sinne einer ganzheitlichen Bildung schließen diese Fächer leider nicht wieder in Gänze ein, vielmehr verdrängt das „Eintrichtern“ vielmehr das explorative Lernen und Entdecken. Dabei sind besonders Bewegung im Alltag, Sport und Spiel für eine ganzheitliche Erziehung umso bedeutender. Gerade der Sport besetzt Erfahrbarmachung in sozialen, emotionalen oder körperlichen Dimensionen, die andere Fächer nicht erreichen. Ebenso schafft Bewegung im Alltag oder im Unterricht anderer Fächer für besser physiologische und kognitive Rahmenbedingungen und nicht zuletzt das Spiel mit einer emotionalen Dimension als Voraussetzung für neuronale Lernprozesse.

Mögliche Projekte im Sinne der Prävention und Gesundheitsförderung hierzu sollten also selbstverständlich nicht den Anspruch haben, Lösungen auf all die oben skizzierten Problemfelder zu bieten. Vielmehr sollte es Bewegung, Spiel und Sport und ihre positiven Wirkungen auf heranwachsende Menschen im Sinne einer ganzheitlichen Erziehung praxisnah in den Mittelpunkt stellen.

Im Fokus steht dabei die Bewegung als Förderer von Gesundheit und eines Inklusionsverständnisses im und durch den Sport. Natürlich lassen sich der positive Impact von Bewegung, Spiel und Sport auch auf andere Bereiche anwenden. Hier seien mit Sprachförderung, Trauerbewältigung, Life Kinetik, Yoga für Kinder, Pausensport, Bewegung in kognitiven Fächern oder Interkulturelles Lernen nur einige ergänzende Themengebiete genannt.

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