Neuroathletiktraining. Legales Doping fürs Gehirn?!

Erläuterung der Hintergründe zum Neuroathletiktraining und dessen Nutzen für den (Leistungs-)Sport.

Viele begeisterte Fußballfans werden das Achtelfinale bei der Fußball-Europameisterschaft zwischen Belgien und Portugal verfolgt haben. Vielleicht haben dabei einige den Torjubel des belgischen Nationalspielers Thorgan Hazard beobachtet. Er zeigte mit den Fingern eine Übung des sogenannten Neuroathletiktraining, wie die ARD-Expertin Almuth Schult schnell erläuterte und vermutete, dass der Spieler durch dieses Training „den nächsten Schritt in seiner Karriere gemacht hat“ und „wie viele andere Spieler […] sich sicherer in ihren Aktionen fühlen und viele Sachen auf einmal machen können“. Das klingt faszinierend, doch was genau verbirgt sich hinter dem Begriff des Neuroathletiktrainings?

Immer mehr Spitzenathletinnen und Spitzenathleten aller Sportarten versuchen die letzten Prozent ihrer sportlichen Leistungsfähigkeit herauszukitzeln. Dabei reichen klassische Trainings- und Analysemethoden längst nicht mehr aus, sodass auch die neurologischen Faktoren eine immer größere Rolle einnehmen. Beim Neuroathletiktraining geht es darum, dass der Einfluss des Gehirns und Nervensystem als zentrale Elemente der Bewegungssteuerung mit berücksichtig werden. Es wird versucht, die Bewegungsausführungen des Sportlers stärker mit der Arbeit des neurologischen Systems zu verknüpfen. Insbesondere die Informationsaufnahme durch unsere Augen und die Wahrnehmung des Gleichgewichts stehen dabei im Mittelpunkt, um die Informationsaufnahme in eine präzisere Bewegungsausführung zu übertragen. Unsere Augen nehmen permanent Informationen wahr und geben diese an unser Gehirn weiter, wo diese verarbeitet werden. Diese Informationsaufnahme der Augen ist in der Bewegungssteuerung stark mit der Rumpfmuskulatur und der Wirbelsäulenmotorik verknüpft. Neuroathletiktraining versucht diese Verknüpfungen zu optimieren, damit nach der Informationsaufnahme durch unsere Sinnesorgane und die resultierende Bewegungsausführung schneller und präziser ausgeführt wird. Prozesse wie diese finden in unzähligen neuronalen Verknüpfungen statt.

Zurückzuführen ist das Neuroathletiktraining auf den Neurowissenschaftler Eric Coob, der Anfang der 2000er erstmals das Wissen aus den Neurowissenschaften mit den Bewegungssteuerungen im Athletiktraining in Verbindung brachte und damit ein Ausbildungskonzept für Athletiktrainer und Therapeuten entwickelte. Auch wenn es noch etwas zehn Jahre dauerte, bis es im europäischen Spitzensport angekommen war, ist es heutzutage aus dem höchsten Leistungsbereich nicht mehr wegzudenken. Sportlerinnen und Sportler sämtlicher Disziplinen bedienen sich dieser zusätzlichen Trainingsmethode, um ihre persönliche Leistungsentwicklung zu fördern.

Doch trotz all dieser Euphorie um die Vernetzung von kognitiven Fähigkeiten mit der tatsächlichen Bewegungsausführung, ist das Themenfeld der Neuroathletik wissenschaftlich nicht belegt. Dies liegt unter anderem daran, dass es wissenschaftlich schwer zu messen ist, inwiefern entsprechende Übungen tatsächlich eine Leistungsverbesserung bewirken oder auch andere Faktoren dafür ursächlich sind wie beispielsweise ein Placebo-Effekt. Dafür sind umfangreichere Studien notwendig, mit deutlich mehr Studienteilnehmenden aus dem Spitzensport.

Literatur

Deutschlandfunk Sport. (2021). Twitterbeitrag vom 27.06.2021 um 23:37 Uhr. Abrufbar unter https://www.trendsmap.com/twitter/tweet/1409264755957714950

Frank. H. (18.07.2016). Kugelstoßer David Storl. „Mit Zauberei hat das nichts zu tun“. In Frankfurter Allgemeine Zeitung. Abrufbar unter. https://www.faz.net/aktuell/sport/olympia/olympia-2016-kugelstosser-david-storl-hilft-neuronales-training-14342451.html

Sala, G., & Gobet, F. (2019). Cognitive Training Does Not Enhance General Cognition. Trends in cognitive sciences, 23(1), 9–20.

Schmid-Fetzer, U. & Lienhard, L. (2018). Neuroathletiktraining. Grundlagen und Praxis des neurozentrierten Trainings. München: Pflaum Verlag.

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